Manchmal sehe ich mir diese möchtegern-wissenschaftlichen Sendungen an, um zu vergessen, dass ich in einer möchtgern-wissenschaftlichen Institution arbeite. Dort werden dann so spannende Themen behandelt wie “Die größten Action-Film-Lügen.”, wo sich z.B. zeigt, dass es Unsinn ist, sich bei einer Schießerei hinter einer Autotür zu verschanzen, da eine normale Kugel locker 5-6 Autotüren durchschlägt. Oder jene Sendung, in der eine Gruppe promovierter Biologen ein System zu entwickeln versucht, mit dem man einen chronischen Langschläfer wecken kann (um dann, trotz Disco-Kugel und Eiswasser-Bad letztlich zu scheitern).
Wie auch immer. Dieses Gedöhns wurde plötzlich greifbar für mich, als ich E. traf, einen ungarisch-deutschen Freund und gebürtigen Transsilvanen. Er erzählte mir von seinen Erinnerungen an die Revolution vom 1.12.1989. Die Armee habe sich auf dem Hauptplatz verschanzt, hinter Kleinbussen sei die demonstrierende Bevölkerung in Deckung gegangen. Plötzlich habe die Armee angefangen zu feuern und trotz der Deckung seien um ihn herum die Schaufensterscheiben zerflogen. Er erinnerte sich daran, in genau diesem Moment ein junges Mädchen neben sich gesehen zu haben, das sich ebenso erschrak wie er. Dann rannten beide ihrer Wege. – Wohin er gerannt sei? Direkt nach Hause, damals schon in der Lenin-Straße, beim Sora. Lenin-Straße? Er überlegt kurz: Wie heißt die denn jetzt noch gleich? Ich sehe in seinem Gesicht einen erkennstnishaften Kurzschluss: Ach, ja, Straße des 1.12.1989. Das Mädchen habe er seitdem immer wieder mal in den Straßen der Stadt wiedergesehen, sie haben sich erkannt, doch nie gesprochen oder gegrüßt.
Das Sora ist heute ein Shopping-Zentrum, in dem man wirklich alles bekommt, was die westliche Welt an Produkten zu bieten hat. Schon früher, erzählte E. mir dann,war es ein Supermarkt. Er erinnerte sich an eine Zeit, in der alle Regale dort komplett gefüllt waren: mit nichts anderem als Krabbenchips. Da die aber noch fritiert werden müssen, bevor man sie essen kann und jedem nur ein Viertel Liter Öl pro Monat zustand, war das blanker, kommunistischer Unsinn, wie er im Buche steht. Beim Metzger habe es nur Schweinefüße und Schweineköpfe gegeben, der Rest wurde in den Westen exportiert. Von einer anderen Bekannten erfuhr ich auch von einem Geschäft, das nichts weiter als Senf und russischen Kaugummi verkaufte, immerhin. Produkte wie Käse waren so gut wie gar nicht, oder wenn nur durch stundenlanges Warten in einer Rentner-Schlange zu ergattern. Daraus ist übrigens ein witziges Sprichwort entstanden. Es gibt vom rumänischen Nationaldichter Mihail Eminescu die berühmte Zeile: Ce este un val, ca valul se trece. (Was eine Welle ist, zieht auch wie eine solche vorbei. Welle bedeutet also so etwas wie Unglück, was auch nachgeborene Dichter, wie der geniale Daniel Iancu so sehen) Daraus machte dann der geniale Volksmund: Ce este un cas, ca valul se trece. (Was ein Käse ist, verschwindet wie eine Welle. Aber cas ist nur die Kurzform von cascavalul, Käse. Darum kann man es auch in etwa so lesen: Was ein Käse… ist schon verschwunden. Genial.)
Ich unterhielt mich an diesem Abend jedenfalls noch lange mit E. Am nächsten morgen hatte ich dann eine ganz eigene Zeit-Geschichte, wenn man so will, da die Batterie meines Weckers über nacht den Geist aufgab. Auch hier wäre Pseudowissenschaft wie im Fähnsähn willkommen gewesen, aber keine Discokugel sprang in die Bresche.
März 14, 2009 at 9:50 am
Kleine Erläuterung zur Käse-Thematik (es gab Rückfragen):
1. Lesart: cas ca valul
Ce este un cas, ca valul se trece.
(Was-ist-ein-Käse-wie-die Welle-Reflexivpronomen-verschwindet.)
“Was ein Käse ist, verschwindet wie eine Welle.”
2. Lesart: cascavalul
Ce este un cascavalul se trece.
(Was-ist-ein-der Käse- Reflexivpronomen – verschwindet.)
“Was ein Käse… ist schon verschwunden.”
Das Problem, bzw. auch der Witz am zweiten Satz ist, dass er eigentlich ungrammatisch ist, wie man leicht sieht. cascaval hat nämlich gleichzeitig den unbestimmten Artikel “un” und den bestimmten Artikel, die Endung “ul”. Dadurch gibt es einen Bruch in der Mitte des Satzes, genaugenommen beim Wort “cascavalul”. Ab hier ist dem Zuhörer klar, dass wir es mit einem ungrammatischen Satz zu tun haben. Man könnte auch sagen: Mit zwei Sätzen, die ineinandergeschoben sind: “Ce este un cascaval” und “Cascavalul se trece.” Der Moment des Bruchs in der Konstruktion auf sprachlicher Ebene ist der Durchbruch der Gier, die den Käse verschlingt, die Bruchstelle von idealistischem Anspruch im Versmaß Eminescus und kommunistischer Realität. Hungrige Zähne werden in den sauberen Vers geschlagen. Erst kommt das Fressen und dann das Metrum. Usw.
Im Umfeld der möchtegern-wissenschaftlichen Institution, für die ich arbeite, werden solche Analysen übrigens “bullshitting” genannt. Dass diese Zeilen linguistisch gesehen ein umgekehrter garden-path oder Holzweg-Satz sind, ist dagegen kein bullshit sondern einfach nur höhrere Ironie. (Garden-Path-Sätze sind Sätze, die man intuitiv falsch analysiert und zunächst oft für falsch hält, wie z.B. “Es ist wahr, dass Klaus zugunsten von Maria nie etwas unternommen worden wäre.” Dieser Satz aber ist wirklich falsch, obwohl er intuitiv aus zwei richtigen Sätzen besteht.)
März 31, 2009 at 4:12 pm
Weiter, weiter!
Der März ist zu rar besetzt!